Posts Tagged ‘Leipzig’

Dort oben leuchten die Sterne, hier unten da kaufen wir

12 November 2009

Sankt Martin, der Mann, der im bitterkalten Winter seinen Mantel teilte um eine Hälfte einem nackten Armen zu schenken, er wurde von einer Lichterprozession begleitet zu Grabe getragen. Jedes Jahr am 11. November gehen viele Kinder in Deutschland, Österreich und der Schweiz mit ihren Laternen raus in die Herbstdunkelheit. Und wenn man sich zu Hause was aus Glauben macht, dann geht man davor in die Kirche zur Martinsandacht, bei der auch die Martinsgeschichte erzählt wird: weil Martin zur richtigen Zeit am richtigen Ort ist um das Richtige zu tun, erscheint ihm im Traum Christus, mit dem halben Mantel des Bettlers bekleidet. „Im Sinne von Mt 25,35–40 EU – „Ich bin nackt gewesen und ihr habt mich gekleidet … Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan.“ – erweist sich Martin hier als Jünger Jesu.“ Thanks, Wikipedia!

Sagen wir mal: auch wenn es den (meisten) (kleinen) Kindern egal sein wird und sie sich vor allem aufs Leuchten freuen – es gibt einen Kontext, geheimnisvolle, feierliche Stimmung, es ist ein Erlebnis, das außerhalb des Alltäglichen liegt und die Story ist eigentlich ganz gut.

Zu Grabe getragen wurde gestern in der Leipziger Innenstadt von einer Lichterprozession begleitet der letzte Hauch der Bedeutung der Martinsgeschichte.

Eigentlich hörte es sich nicht so schlimm an. Es waren Vereine vertreten, den man sein Vertrauen schenkt und der Marsch wurde von der Dog Brass Band begleitet, die kinderkompatible Brassjazzmusik machen. Eeehhh, Moment. Brassjazz statt zarter Kinderstimmen? „Laterne, Laterne…“ – im Laufe des groß angelegten Marsches, der schon Stunden zuvor durch ein Event mit Marktständen, Kräppelchen, Glühwein, Fotoaktion der schönsten Laternen eingeläutet wurde, versuchten sich hier und da zögernd ein paar Muttis in Stimmungerzeugen und mussten doch aufgeben.

Mehr und mehr Kinder wurden von hell erleuchteten Schaufenstern angesaugt. Playmobilwelten taten sich auf, der Weihnachtswunschzettel wurde spontan umformuliert, Schlangen bildeten sich an den mobilen Bratwurstständen, den Pommesbuden gingen die Pommes aus, es gab einen Pulli von H&M – der Marketingcoup der meinungsführenden (weil einzigen) Leipziger Tageszeitung ist aufgegangen.

Nächstes Jahr bin ich in Markkleeberg und laufe hinter Sankt Martin und seinem Pferd her. Und bis dahin lerne ich als Strafe alle Strophen von „Ich geh’ mit meiner Laterne“. Und Weihnachten gibt es keine Geschenke.

Miterziehen

16 Oktober 2008

Eine Mutter und ihr müdes Kind (mit vier Jahren in bestem Trotzalter) kommen abends nach Hause. Die Laune des Kindes schlägt um und es verlangt nach seinem Vater, der in einer Lesung sitzt und gerade nicht zur Verfügung steht. Dies wird mit lautem Kreischen und weinen quittiert, tja, hilft nix (denkt die Mutter und setzt sich aufs Mäuerchen beim Haus). Abwarten ist die Devise. Doch moment. Ein älterer Herr eilt von der anderen Straßenseite herbei mit dem festen Vorsatz, der Mutter zu helfen. Na, meine Kleine, sagt der Schwabe? Bayer? was is denn hör doch mal auf is doch nich so schlimm tätschel tätschel. Lassen Sie das mal, sagt die Mutter, das macht es nicht besser. Aber da – zack! wird der Duploriegel zartbitter rausgeholt, jaja, ich mach das schon, ich habe viele Enkel, ich weiß, wie das geht. Die Mutter: das ist aber mein Kind. Kind auf den Arm, will Ihnen nicht zu nahe treten, aber ich gehe. Das zuerst verschreckte Kind erreicht bald drauf wieder die Schreihöchstform, mantramäßig Ich Will Zu Meinem Papaaaaa! wiederholend. An ein überbrücken von drei Stockwerken plus Hochparterre ist nicht zu denken. Nicht, ohne die vermutlich schon schlafenden Kinder im Haus zu wecken. Gut; spazieren? Sagt die Mutter. Ich. Will. Zu. Meinem. Papa. Kreeeeischchchch! Och, Kapitulation, dann halt die nächsten zwei Stunden an der Türschwelle. Doch da naht schon wieder das Unheil mit Schokoriegel, die Milde ist vorbei, jetzt reicht´s:

Missbrauchen Sie Ihr Kind? sagt das Unheil.

Die Mutter: ?

Das Unheil: seit einer Halben Stunde so ein Theater, missbrauchen Sie das Kind oder wieso verlangt es nach seinem Vater?

Die Mutter: ?

Das Unheil: soll ich die Polizei rufen ODER WAS.

Die Mutter: ?, obwohl eigentlich ja, machen Sie das mal.

Das Unheil: ja soll ich die Polizei rufen?

Die Mutter: jetzt machen Sie doch mal!

Das Unheil: Sie dumme Kuh Sie!

Das Kind wird still, die Mutter macht die Tür auf und sie gehen nach oben, kopfschüttelnd vereint im Wissen um unübertroffene Unmöglichkeiten.

Wostropa erklärt

22 August 2008

Wie oft sagt man sich: ich würde so gerne in die SLOWAKEI, nach ASERBAIDSCHAN oder in die WALLACHEI fahren, und war FRANKFURT nicht sehr weit im Westen?

An dieser Stelle soll, von dem germanoegozentrischen Mittelpunkt LEIPZIG ausgehend, eine kleine Erklärungskarte Wostropas und seiner historischen Gebiete entstehen. Wostropa, weil es immer so war und weil Osteuropa eben nicht erst nach 1989 dazugekommen ist. Es ist nicht das „neue Europa“ – es war nie verschwunden.

Nächste Woche: SLOWENIEN. Ein Land zu unserer Linken.

Reisen mit Kind. Ein kleines Drama in drei Akten.

28 Juli 2008

Erster Akt:
Hannover City – ein Bus fährt zum Bahnhof. Eine junge Mutter plaziert RucksackKindLaufradTascheKindesrucksack um sich herum, glücklich, zwei freie Plätze nebeneinander zu erwischen. Kind sitzt, Mutter sitzt, ist ja nicht lang.
Haltestelle: eine ältere DAME kommt rein: „Würden Sie mir bitte den Platz freimachen?“ Wow, richtig, das Kind sitzt auf dem Platz mit dem Kreuz! Und wie man weiß muss Ordnung sein, so werden KindrucksackLaufradTascheKindesrucksack umgewuchtet, Hauptsache, die Schrulle sitzt.

Vorhang.

Zweiter Akt:
Zug Hannover – Osnabrück: Das Kinderabteil im IC ist nicht für die Kinder da, sondern dient dem Zweck, sie von den anderen Fahrgästen fernzuhalten. Viel mehr als das kann man darin nicht machen.

Vorhang.

Dritter Akt:
Zug Osnabrück – Hannover: wieder Kinderabteil. Vater, Tochter, Sohn aufm Weg nach Berlin. Die junge Mutter lächelt beim Hineingehen freundlich: „Ist hier noch ein Plätzchen frei?“
Der Vater: „Wenn´s sein muss“.

„Lejdis ent dschentelmen, fi arejw at Leipzig sentral stejschn. Senk ju fo trafeling wis de deutsche bahn. Wie wud lajk to felkom ju an bord agejn sun, haf a plesant jurni.“

Ende.

Da ging sie hin, die Neue Leipziger Schule, und zog ein Bein nach

25 Juni 2008

Dies, liebe Leser, ist ein gutes Beispiel für einen reißerischen Titel, der aber letztendlich nicht wirklich mit dem Inhalt zu tun hat. Und von wem lernt man solches? Vom SPIEGEL. Der Titelartikel der Printausgabe vom Montag ist „Fünfzig Jahre Emanzipation. Was vom Mann noch übrig ist.“ Das Foto – ein armes blondes was, das sich die Eier hält und so plakativ nochmal die Sorge um seine Entmannung zum Ausdruck bringt.

Dabei ist der Artikel gar nicht so schlecht, wenn auch nicht mordsinformativ. Letztendlich ist es gut zu wissen – und das wir an den Beispielen der Paare sichtbar, die porträtiert werden – dass es durchaus ein Bemühen um eine gleichberechtigte Partnerschaft gibt, eine Sache, die spätestens dann wichtig wird, wenn aus zwei drei werden sollen.

Aber zurück zu unserem Thema. Im gleichen SPIEGEL (und in der Berliner Zeitung, und in der Süddeutschen) wir das Ende der Neuen Leipziger Schule besungen. Neo Rauch, die Galionsfigur, der geniale Maler und Professor an derHochschule für Grafik und Buchkunst hängt sein Lehramt 2009 an den Nagel! Wir wussten es schon immer. Dieser ungesunde Hype, das ist so…so… unentrückt. Nur der Neo, der ist entschuldigt, der „kann nämlich auch ganz anders“. 

Was drängt sich da auf? NIX. Und wir laben uns weiter an Werken von Matthias Weischer, die in einer schönen Ausstellung neben Fotografien, Videos und Bildern anderer sehenswerter Künstler hängen und geradezu LEUCHTEN.