Sankt Martin, der Mann, der im bitterkalten Winter seinen Mantel teilte um eine Hälfte einem nackten Armen zu schenken, er wurde von einer Lichterprozession begleitet zu Grabe getragen. Jedes Jahr am 11. November gehen viele Kinder in Deutschland, Österreich und der Schweiz mit ihren Laternen raus in die Herbstdunkelheit. Und wenn man sich zu Hause was aus Glauben macht, dann geht man davor in die Kirche zur Martinsandacht, bei der auch die Martinsgeschichte erzählt wird: weil Martin zur richtigen Zeit am richtigen Ort ist um das Richtige zu tun, erscheint ihm im Traum Christus, mit dem halben Mantel des Bettlers bekleidet. „Im Sinne von Mt 25,35–40 EU – „Ich bin nackt gewesen und ihr habt mich gekleidet … Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan.“ – erweist sich Martin hier als Jünger Jesu.“ Thanks, Wikipedia!
Sagen wir mal: auch wenn es den (meisten) (kleinen) Kindern egal sein wird und sie sich vor allem aufs Leuchten freuen – es gibt einen Kontext, geheimnisvolle, feierliche Stimmung, es ist ein Erlebnis, das außerhalb des Alltäglichen liegt und die Story ist eigentlich ganz gut.
Zu Grabe getragen wurde gestern in der Leipziger Innenstadt von einer Lichterprozession begleitet der letzte Hauch der Bedeutung der Martinsgeschichte.
Eigentlich hörte es sich nicht so schlimm an. Es waren Vereine vertreten, den man sein Vertrauen schenkt und der Marsch wurde von der Dog Brass Band begleitet, die kinderkompatible Brassjazzmusik machen. Eeehhh, Moment. Brassjazz statt zarter Kinderstimmen? „Laterne, Laterne…“ – im Laufe des groß angelegten Marsches, der schon Stunden zuvor durch ein Event mit Marktständen, Kräppelchen, Glühwein, Fotoaktion der schönsten Laternen eingeläutet wurde, versuchten sich hier und da zögernd ein paar Muttis in Stimmungerzeugen und mussten doch aufgeben.
Mehr und mehr Kinder wurden von hell erleuchteten Schaufenstern angesaugt. Playmobilwelten taten sich auf, der Weihnachtswunschzettel wurde spontan umformuliert, Schlangen bildeten sich an den mobilen Bratwurstständen, den Pommesbuden gingen die Pommes aus, es gab einen Pulli von H&M – der Marketingcoup der meinungsführenden (weil einzigen) Leipziger Tageszeitung ist aufgegangen.
Nächstes Jahr bin ich in Markkleeberg und laufe hinter Sankt Martin und seinem Pferd her. Und bis dahin lerne ich als Strafe alle Strophen von „Ich geh’ mit meiner Laterne“. Und Weihnachten gibt es keine Geschenke.
