Es gibt gute Polentage und schlechte Polentage. An guten Polentagen ist es Herbst, auf der Straße riecht es nach Kohlenrauch, die Sonne scheint und ich gehe in eine alte Konditorei im Souterrain, es riecht wieder, nach alten, feuchten Mauern und schon von draußen nach Zucker, nach Zuckermark, nach dem Ursprung allen Zuckers. Nicht klebrig süß sonder puderig beständig. Und dann gibt es einen Krapfen, Berliner, Pfannkuchen, ich nenne ihn mal pączek, regionale Namensunterschiede sind mir nicht bekannt. In Fett ausgebraten, am liebsten mit wenig Marmelade, es gibt ihn wohl auch mit Zugerguss aber für mich bitte nur mit Puderzucker. Und wenn draußen Sommer ist, gibt es jagodzianki, Hefebrötchen mit Blaubeerfüllung, in meiner Erinnerung zumindest, jetzt ersetzt durch eine enttäuschende glibbrige Tunke wenn ich Pech habe.
Ohnehin gibt es keine guten Polentage im Sommer, es ist zu heiß und es stinkt nach Abgasen, nach zu vielen alten Dieselmotoren auf zu schmalen Straßen. An guten Herbstpolentagen sammle ich Buchweizen ohne zu wissen, wie er heißt, aber ich weiß früh, dass man ihn essen kann. Später finde ich es wieder, als Mehl, im Bioladen. Eigentlich esse ich ständig Natur, die Enden langer, dicker Grashalme sind saftig und süß, genau wie die roten Samenmäntel der Eibe (wie viele Male wohl dem Tod von der Schippe gesprungen?)
An schlechten Polentagen scheint die Sonne und der Typ neben der Bäckerei ist total besoffen. Die Frau in der Bäckerei in ihrer weißen Polyesterschürze hält mir die Hand fürs Kleingeld hin während ihr restliches Wesen im Gespräch mit der Kollegin vertieft ist. Ständig werde ich von dünnen Frauen mit fransigen, glätteisengeglätteten Haaren gemustert, von oben – nach unten – nach oben.
Gelogen: es gibt auch gute Sommerpolentage. Sie fangen an, wenn Polen an den Rändern ausfranst. Es passiert nicht viel. Ich fahre eine Allee lang, rechts und links liegen sanfte Hügel, oben ist ein hoher oder tiefer Himmel, mit Wolken, Wolken jagen und flupp, ich bin in Zeit zurückversetzt, nein, es gibt keine Zeit. Links und rechts stehen kleine masurische Holzhäuser oder Häuser aus altem, rotem Backstein. Vor den Häusern sind kleine Gärten mit Stockrosen, Wicken, Ringelblumen und Tausendschön. Ab und zu fahre ich an einem Pferdehof vorbei oder an einem gepimpten Ex-Sommerlager für Bergwerkarbeiterfamilien, die Bungalows, domki, haben schräge Dächer, die fast bis auf die Erde reichen. Es riecht nach warmem, unaufgeräumtem Wald. Ich fahre an einem See vorbei, noch einem, die Gletscherzeitgletscher haben inflationär viele Seen zurückgelassen. Am Ende der Straße sitzt dann eine alte Frau auf einer alten Bank. Die Frau trägt selbstverständlich Kopftuch und Schürze und Pantoffeln und über ihr hängt ein Schild und auf dem Schild steht: Ende der Welt.
