Eine Mutter und ihr müdes Kind (mit vier Jahren in bestem Trotzalter) kommen abends nach Hause. Die Laune des Kindes schlägt um und es verlangt nach seinem Vater, der in einer Lesung sitzt und gerade nicht zur Verfügung steht. Dies wird mit lautem Kreischen und weinen quittiert, tja, hilft nix (denkt die Mutter und setzt sich aufs Mäuerchen beim Haus). Abwarten ist die Devise. Doch moment. Ein älterer Herr eilt von der anderen Straßenseite herbei mit dem festen Vorsatz, der Mutter zu helfen. Na, meine Kleine, sagt der Schwabe? Bayer? was is denn hör doch mal auf is doch nich so schlimm tätschel tätschel. Lassen Sie das mal, sagt die Mutter, das macht es nicht besser. Aber da – zack! wird der Duploriegel zartbitter rausgeholt, jaja, ich mach das schon, ich habe viele Enkel, ich weiß, wie das geht. Die Mutter: das ist aber mein Kind. Kind auf den Arm, will Ihnen nicht zu nahe treten, aber ich gehe. Das zuerst verschreckte Kind erreicht bald drauf wieder die Schreihöchstform, mantramäßig Ich Will Zu Meinem Papaaaaa! wiederholend. An ein überbrücken von drei Stockwerken plus Hochparterre ist nicht zu denken. Nicht, ohne die vermutlich schon schlafenden Kinder im Haus zu wecken. Gut; spazieren? Sagt die Mutter. Ich. Will. Zu. Meinem. Papa. Kreeeeischchchch! Och, Kapitulation, dann halt die nächsten zwei Stunden an der Türschwelle. Doch da naht schon wieder das Unheil mit Schokoriegel, die Milde ist vorbei, jetzt reicht´s:
Missbrauchen Sie Ihr Kind? sagt das Unheil.
Die Mutter: ?
Das Unheil: seit einer Halben Stunde so ein Theater, missbrauchen Sie das Kind oder wieso verlangt es nach seinem Vater?
Die Mutter: ?
Das Unheil: soll ich die Polizei rufen ODER WAS.
Die Mutter: ?, obwohl eigentlich ja, machen Sie das mal.
Das Unheil: ja soll ich die Polizei rufen?
Die Mutter: jetzt machen Sie doch mal!
Das Unheil: Sie dumme Kuh Sie!
Das Kind wird still, die Mutter macht die Tür auf und sie gehen nach oben, kopfschüttelnd vereint im Wissen um unübertroffene Unmöglichkeiten.
