Ein Entwurf aus 2009

30 Mai 2011

Ehrlich gesagt weiß ich gar nicht mehr so richtig, wieso man sich an der HGB so kloppt – I guess it’s about politics, aber wenigstens hat die LVZ wat zu berichten, die beste Zeitung wo gibt für die Generation 65+, die es gerne so hätte wie früher. Aber es gibt es da ein schönes Interview mit Neo Rauch: „Es gibt ein psychologisches Phänomen, das ich salopp als transportable Xenophobie bezeichnen möchte.“ Boah. (Kopfnotiz: schönste Neo Rauch-Zitate sammeln.)

Aber was noch cooler ist, das sind die Leserbriefe zum Radfahren in der Innenstadt, in der es inzwischen Polizeipatroulien gibt, die einen darauf hinweisen, was man zwar lange nicht mehr darf (zwischen 11-20 Uhr in den Fußgängerzonen fahren), aber was früher irgendwie egal war. Radfahrer sind eine dankbare Draufdreschgrppe: man muss keinen Vorwurf fürchten, politisch unkorrekt oder ein alter Nazi genannt zu werden. Dafür wissen alle, dass man vermutlich ein stinkender Frustsack ist, aber das ist nun kein Verbrechen, nur eine Umweltbelastung. Eine Kostprobe: “ Die einen kriegen heute noch Albträume vom Kommunismus, die anderen haben daraus noch nichts gelernt.“


Ohne Mist jetzt

3 Mai 2011

Vor zehn Jahren ging ich ein Studentenreisebüro auf dem Campus, denn der Wunsch hat seinen Weg an die Oberfläche gefunden und konnte in Tätigkeit umgesetzt werden: ich wollte endlich nach New York. Es war der 11. September 2011. In Echt.

Jetzt fahre ich in ein paar Tagen wirklich dahin und was passiert: Osama Bin Schnadel wird umgebracht.

Ich bin ja qua Abstammung und Erziehung eher abergläubisch und es bedarf viel (selbst)aufklärerischer Selbstkontrolle, hinter beiden Vorkomnissen kein Muster zu vermuten. Kann es denn Zufall sein? Will mir das ETWAS sagen, ich sollte schön Heeme bleiben? Wenn ich vor zehn Jahren hingefahren wäre, hätte ich die Schwester meines Freundes treffen können, die auch gerade da war. Vielleicht wäre alles auch so geworden, wie es jetzt ist. Das würde aber heißen, dass es egal ist, was ist, weil alles wieder in die Form zurück schnappt (vom Schnappgummi), in der es sein sollte. Womit wir beim Schicksal wären. Dann kann ich ja auch aufhören, mir Gedanken zu machen und den Vorfreudenflow entwickeln, oder?

Wenn ich bloß nicht fliegen müsste…


Runterzählen

29 April 2011

Was mache ich in genau einer Woche?

a. Ich lasse mir – um wie Carrie auszusehen – Fett absaugen, ein paar Knochen rausnehmen, sie am Kinn und der Nase reimplantieren und Extensions machen?

b. Ich lerne singen wie Alicia Keys und trage dabei ein Catwoman Suit?

c. Ich fahre nach NEW YORK.


Haare

29 April 2011

Kriege gleich Dresche von meinem Frisör weil ich mir die Haare nicht gefärbt habe. Und dann wird er mich davon überzeugen wollen, dass ich mich als grau in grau oute. Alta, lass mir noch ein paar Jahre chemische Augenwischerei! Miss Cleenex ist in ihrem Hauptberuf einfach ein herzloser Gentleman.


Wurst

16 März 2010

Ich hab nix gegen bio. Ehrlich. Wenn ich es mir leisten könnte oder wenn ich Essen eine solch hohe Stellung beimessen würde, dafür auf Anderes zu verzichten, würde ich wahrscheinlich nur regional-saisonal-bio futtern. Was mich ein wenig abstößt, ist eine gefühlte Egozentrik der Biokonsumenten. Es geht (gefühlt) darum, gesund zu sterben, ohne Metaebene Umweltschutz oder Nächstenliebe oder wasweißich. Beweis? Hier, hehe.

Überhaupt scheint der Weg, gesund zu leben und die Umwelt zu schonen, im Fleischverzicht und nicht im bei Mondlicht linksgerührten Joghurt. So zu finden im neuen Feuilleton-überschlägt-sich-Buch Eating Animals des Feuilleton-Darlings Jonathan Safran Foer. Er hat darin seinen Weg zur Fleischlosigkeit beschrieben und dabei scheinbar alles in Betracht gezogen – Schweineintelligenzquotienten, parasitäre Hochseefischerei und das osteuropäische Kartoffeln-Fleisch-Wohlfühlessen seiner Großmutter. Vielleicht lese ich es doch mal, zumindest bei letztem Thema kann ich mitreden.

Noch ein – nennen wir es Bio-Buch – ist Allein unter Gurken vom Tatort Ludwigshafen-Darsteller Andreas Hoppe. Stilistisch eine Tragödie, entfaltet es vor allem in den menschelnd-beschreibenden Passagen seinen ehhh, Charme. Hoppe schildert seinen Versuch, sich von Produkten aus einem Umkreis von 100 km von Berlin aus gesehen zu ernähren. Und: er wundert sich ehrlich darüber, dass das in Berlin so supi geht obwohl das so eine große Metropole ist und so. Naja, er lebt in Charlottenburg (diese Info habe ich nachrecherchiert indem ich den Namen einer über Seiten und Seiten besungenen Öko-Bäckerei um die Ecke von seiner Wohnung gegoogelt habe) und nicht im Prenzlauer Berg wo ihm gezwungener Maßen alle paar Schritte ein Neuland-Burger ins Gesicht springen würde.

Nachdem ich letztens erfahren habe, dass sich in der von mir heiß geliebten, vom schwarzwälder Bauer selbst gemachten und durch Dosenkonservierung transportierbaren und haltbaren Leckerwurst letale Dosenbakterien verstecken könnten, sollte ein (rein neurotisch motivierter) Fleischverzicht nur noch einen Schritt entfernt sein. Aber: ich habe eine tiefe emotionale Bindung zu Wurstprodukten. J’adore Wurst. Wurst ist ein integraler Bestandteil meiner Identität, Tofu ist Schummeln. Wuuurst!


15 März 2010

Frühstücksherz


Tristesse Royale

15 März 2010

Das Einkaufen im Bioladen ist kein Spaß. In der Luft hängt ein fast undefinierbarer Geruch, er ist irgendwie weizig-süßlich, ein wenig wie Holz und sehr wie Ernsthaftigkeit. In der Gemüseabteilung sehe ich mitteljunge Menschen in Qualitätsschuhwerk. Sie befühlen Landgurken, um sie danach in sofortabbaubare braune Papiertüten zu packen. In der Getreideabteilung darf sich der Bub sein Frühstücksmüsli aussuchen wobei er bei der Zutatenliste an dem Wort „Amaranth“ hängen bleibt, kein Zweitklässler sollte da durch müssen. An der Käsetheke angeregte Diskussionen über spanischen Rohmilchkäse. Der Raum wird nicht durch einkaufsverhaltenstimulierende Musik gestört, der Käufer sich selbst und seiner bewussten Entscheidung überlassen. Niemand lächelt; mehr noch: man schaut sich nicht einmal an, vermeidet geradezu, die Anderen bei dem kontemplativen Einkaufsvorgang zu stören, schreitet langsam und bedächtig durch die Gänge. Dagegen ist jeder Aldi am Nachmittag das reinste Flirtkombinat. Arm aber glücklich.
Ein Viertel Kürbis, eine Gurke und 150 Gramm dickblättrigen deutschen Feldsalats, sagt eine Stimme. Ach, das ist meins.

12,34 €.  Ich höre die eigene Schnappatmung.

Hinter mir packt ein dynamischer aber verständnisvoller Vater im besten Alter seine Sachen ein. Davor musste er die Kinder an den in Kinderhöhe angebrachten Süßigkeiten vorbeilotsen. Er schaut aus, als ob er eine höchst komplizierte physikalische Gleichung lösen müsste und gleichzeitig mit seinem Einkauf für den angestrebten Frieden in Nahost und den verantwortungsvollen Umgang beim Tunfischfischen verantwortlich wäre. Er schaut nicht aus, als ob er sich darüber freuen würde, sich das teure Essen leisten zu können.  Seine Umhängetasche drückt, Fin-Luca verlangt nach einem Bananen-Oblatten-Riegel. 

Nix wie weg, denke ich.


Sinnlos

2 Februar 2010

Lustig:

http://stuffwhitepeoplelike.com/

http://nooooooooooooooo.com/

Gute Idee:

http://blogs.taz.de/hitlerblog/

(Tavi the) Strange

http://tavi-thenewgirlintown.blogspot.com/

http://www.zeit.de/2009/40/Gesellschaft-40?page=all

Oliver Zahm ist sooo eklig:

http://www.purple-diary.com/


Dort oben leuchten die Sterne, hier unten da kaufen wir

12 November 2009

Sankt Martin, der Mann, der im bitterkalten Winter seinen Mantel teilte um eine Hälfte einem nackten Armen zu schenken, er wurde von einer Lichterprozession begleitet zu Grabe getragen. Jedes Jahr am 11. November gehen viele Kinder in Deutschland, Österreich und der Schweiz mit ihren Laternen raus in die Herbstdunkelheit. Und wenn man sich zu Hause was aus Glauben macht, dann geht man davor in die Kirche zur Martinsandacht, bei der auch die Martinsgeschichte erzählt wird: weil Martin zur richtigen Zeit am richtigen Ort ist um das Richtige zu tun, erscheint ihm im Traum Christus, mit dem halben Mantel des Bettlers bekleidet. „Im Sinne von Mt 25,35–40 EU – „Ich bin nackt gewesen und ihr habt mich gekleidet … Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan.“ – erweist sich Martin hier als Jünger Jesu.“ Thanks, Wikipedia!

Sagen wir mal: auch wenn es den (meisten) (kleinen) Kindern egal sein wird und sie sich vor allem aufs Leuchten freuen – es gibt einen Kontext, geheimnisvolle, feierliche Stimmung, es ist ein Erlebnis, das außerhalb des Alltäglichen liegt und die Story ist eigentlich ganz gut.

Zu Grabe getragen wurde gestern in der Leipziger Innenstadt von einer Lichterprozession begleitet der letzte Hauch der Bedeutung der Martinsgeschichte.

Eigentlich hörte es sich nicht so schlimm an. Es waren Vereine vertreten, den man sein Vertrauen schenkt und der Marsch wurde von der Dog Brass Band begleitet, die kinderkompatible Brassjazzmusik machen. Eeehhh, Moment. Brassjazz statt zarter Kinderstimmen? „Laterne, Laterne…“ – im Laufe des groß angelegten Marsches, der schon Stunden zuvor durch ein Event mit Marktständen, Kräppelchen, Glühwein, Fotoaktion der schönsten Laternen eingeläutet wurde, versuchten sich hier und da zögernd ein paar Muttis in Stimmungerzeugen und mussten doch aufgeben.

Mehr und mehr Kinder wurden von hell erleuchteten Schaufenstern angesaugt. Playmobilwelten taten sich auf, der Weihnachtswunschzettel wurde spontan umformuliert, Schlangen bildeten sich an den mobilen Bratwurstständen, den Pommesbuden gingen die Pommes aus, es gab einen Pulli von H&M – der Marketingcoup der meinungsführenden (weil einzigen) Leipziger Tageszeitung ist aufgegangen.

Nächstes Jahr bin ich in Markkleeberg und laufe hinter Sankt Martin und seinem Pferd her. Und bis dahin lerne ich als Strafe alle Strophen von „Ich geh’ mit meiner Laterne“. Und Weihnachten gibt es keine Geschenke.


I ♥ Trees

10 November 2009

Das Kind ist am Sonntag gegen einen Baum gesprungen. Bewusst. Beim ersten Mal hat es noch ohne Blessuren geklappt, denn der Baum war ein Neigebaum. Beim nächsten Mal neigte sich der Baum nicht mehr und das Kind hat jetzt einen blauen Fleck im Gesicht, es flossen Tränen.

Das Kind meinte später, ich dürfe mir was wünschen. Wieso? Natürlich angelehnt an das Sams, das blaue Punkte im Gesicht hat, und bei jedem Wunsch, den sein Papa ausspricht (sie gehen immer in Erfüllung!), wird es ein Punkt weniger. Ich wünschte mir also unendliche Freizeit bedingt durch finanziell absicherte Abwesenheit von Arbeit (also einen echt hohen Geldgewinn jedweden Ursprungs).

Der blaue Punkt blieb und verblasst langsam, die unendliche Freizeit bleibt noch aus.


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